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Gustav Meyrink - Walpurgisnacht
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boris



Beiträge: 10136

Titel: Gustav Meyrink - Walpurgisnacht
Verfasst am: Fr, 14 Okt 2011, 21:26
Beitrag
Antworten mit Zitat

Gustav Meyrink - Walpurgisnacht

Die Handlung spielt (wie schon beim grandiosen Klassiker "Der Golem") in Prag und hier zur Zeit des ersten Weltkriegs.
In das beschauliche Leben einiger Adliger, die sich auf den Palasthügel "Hradschin" zurückgezogen haben, bricht eines Tages etwas Seltsames ein: ein Schauspieler, der besessen ist und von dem andere (Seelen) Besitz ergreifen, denen er dann in Aussehen und Stimme ähnelt.
Der Leibarzt möchte der Sache nachgehen und begibt sich in "Die neue Welt", die Stadt, in der das Volk lebt und eine jetzt gealterte Prostituierte, die er früher öfters besuchte. Er kommt in Berührung mit "Aweysha", eine Art Seelenwanderung (durch die der o.a. Schauspieler Sprachrohr anderer Seelen wird).
Gleichzeitig rumort es im Volk, ein spiritistischer Führer tritt auf, es wird ein Aufstand vorbereitet, die Tage des Adels scheinen gezählt.

Das hier ist etwas anderes als "Spannung pur" (s.u.), das hier ist ein hervorragender Roman mit okkultem / esoterischen Hauptthema, aber alles andere als billiger Horror (wenn es überhaupt Horror ist). Vor allem sprachlich ist Meyrink natürlich wieder einmal ganz hervorragend (wenn auch der Zeit des Entstehens des Buches - 1917 - angemessen, etwas altertümlich), gerade wie er den Dialekt der "Gossensprache" einbaut, ist Klasse. Aber auch seine sehr bildhaften, äußerst präzisen, anrührenden Beschreibungen gefallen.
Inhaltlich gibt es Unheimlich-düsteres, aber es wird auch philosophisch. Die Rede, die der Leibarzt über Menschen und Seelen gehalten bekommt sowie die Hintergründe der "Besessenheit", die andere Menschen zum Sprachrohr machen können, gibt dem ganzen noch eine tiefere Dimension. Daneben gibt es drastische Schilderungen, tiefe Einblicke in das (Gefühls-)leben der Protagonisten und vieles mehr.

Also: Empfehlung! An die Sprache muss man sich zuerst etwas gewöhnen, dann bekommt man aber einen hervorragenden Roman von einem Meister seines Faches!


Zum Titel (es geht nicht um eine Hexenparty, s.u.):

Zitat:
In jedem Jahr einmal, am 30. April, ist Walpurgisnacht. Da, heißt es im Volksmund, wird die Welt des Spukes frei. – Es gibt auch kosmische Walpurgisnächte, Exzellenz! Sie liegen in der Zeit zu weit auseinander, als daß die Menschheit sich ihrer erinnern könnte, darum gelten sie jedesmal aufs neue, noch nie dagewesene Erscheinung.

Jetzt ist der Anbruch einer solch kosmischen Walpurgisnacht.

Da kehrt sich das Oberste zu unterst und das Unterste zu oberst. Da platzen Geschehnisse beinahe ohne Ursache aufeinander – da ist nichts mehr 'psychologisch' begründet wie in den gewissen Romanen, die das 'Unterleibsproblem' der Li–iebe, sinnig verhüllt, damit es um so schamloser leuchte, als Kernpunkt des Daseins hinstellen und das Heiraten eines Bürgertöchterchens, das keine Mitgift hat, als erlösendes Moment im Dichtwerk erblicken. –

Die Zeit ist wieder da, wo die Hunde des wilden Jägers ihre Ketten zerreißen dürfen, aber auch für uns ist etwas entzweigebrochen: das oberste Gesetz des Schweigens! Der Satz: 'Völker Asiens, hütet eure heiligsten Güter' hat keine Gültigkeit mehr für uns. – Wir geben ihn preis zum Wohl derer, die reif zum 'Fliegen' sind:

Wir dürfen reden.




Weil das Buch schon alt ist (1917) und das Copyright abgelaufen, gibt es den Text mittlerweile frei verfügbar, z.B. hier oder als kostenlose "Kindle-Edition" zum Download bei amazon.
Das erklärt auch die unzähligen Billigstausgaben (wo man dem Autor nichts mehr zahlen muss, muss man nur noch drucken) und insbesondere das unsägliche Dreckscover, was meine Ausgabe ziert, die vom "area"-Verlag stammt, mit verlaufendem Blut verziert ist und mit diesen typischen "Horror"-Buchstaben am Rand die Aufschrift "Spannung pur" trägt. Auch die schäbige Hexe mit dem Besen (genau darum geht es in dem Buch nicht (s.o.), aber der area-Verlag hat den Text wohl nicht gelesen) nötigt mich, den Müll zur allgemeinen Belustigung (so ein Cover hat das Buch echt nicht verdient!) hier abzubilden:



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