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Imre Kertész - Roman eines Schicksallosen
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boris



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Titel: Imre Kertész - Roman eines Schicksallosen
Verfasst am: So, 07 Aug 2016, 09:35
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Imre Kertész - Roman eines Schicksallosen

Story: Imre Kertész wird 1944 aus seiner Heimatstadt Budapest nach Auschwitz deportiert und 1945 in Buchenwald befreit. In "Roman eines Schicksallosen" erzählt er die Zeit von der "Abholung" seines Vaters, seiner eigenen Deportation, seiner Zeit in Auschwitz und Buchenwald - zum Teil im Krankenlager - von seiner Befreiung und der Rückkehr nach Budapest.

Das Buch steht auf der Liste der 1000 Bücher, "die man gelesen haben sollte", auf jeden Fall hat Kertész 2002 den Nobelpreis für Literatur erhalten, der Spiegel nennt das Buch ein "literarisches Meisterwerk", weiter heißt es im Klappentext: "Imre Kertész ist etwas Skandalöses gelungen: die Entmystifizierung von Auschwitz. Es gibt kein literarisches Werk, das in dieser Konsequenz, ohne zu deuten, ohne zu werten, der Perspektive eines staunenden Kindes treu geblieben ist."
Eins muss man zugeben: Die äußerst ungewohnte Perspektive des Erzählers, der die beschriebene Zeit ja tatsächlich erlebt hat, hat etwas für sich, ist allerdings auch befremdlich, weil man die ganze Zeit die Bilder der Lager im Hinterkopf hat. Vielleicht ist es eine gute Sache für den Autor, auf die beschriebene Art und Weise mit den Erlebnissen umzugehen und diese als "Schicksal" zu bezeichnen, das ihm zustieß, und in dem er sich "verhielt" - das ohne Wertung zu beschreiben ist schon ein menschlich großartige Leistung.
Auf der anderen Seite ist die sogenannte "Entmystifizierung" für den Leser seltsam, denn immer liegt der Gedanke "war doch alles nicht so schlimm" nah, auch wenn dieser vom Autor natürlich nie geäußert wird und tatsächlich von Morden und Krematorien die Rede ist - im Endeffekt ist zumindest der Erzähler aber relativ unbeschadet aus der Sache herausgekommen und gibt durch seine fehlende Wertung auch nicht wirklich Anlass zur Aufregung.

Zum Stil: Es ist eben nicht so, dass der Erzähler "der Perspektive eines staunenden Kindes treu geblieben ist". Anfänglich ist die Erzählweise etwas befremdlich, aber legt man zugrunde, dass ein 15-Jähriger in Tagebuchform seine Erlebnisse darlegt, passt es ins Bild - wenn es auch recht anstrengend zu lesen ist und nicht wirklich Spaß macht, der Handlung zu folgen. Wir sind hier noch weit davon entfernt, bei den Lagern anzukommen - als es dann aber soweit ist, ändert sich der Schreibstil extrem, es werden endlose Schachtelsätze und mächtig prosaische Formulierungen verwendet, die angesichts des Alters der Figur schlichtweg nicht glaubhaft sind.
Und noch etwas zum Inhalt: Es ist klar, dass Kertész schlussendlich die Konfrontation mit den Menschen seiner Stadt beschreibt, zunächst dem Journalisten, der nicht verstehen kann, dass der Zurückgekehrte partout nicht von "Gräuel" reden möchte, dann die Nachbarn, die sich durch die Erzählung des Jungen in die Ecke der "Schuldigen" angesichts des Schicksals gedrängt sehen. Nur: In der Mitte der Erzählung scheint Kertész auf dem Weg zu dieser Konfrontation am Schluss schlichtweg die Puste auszugehen, im letzten Drittel, in der er haarklein beschreibt, wer alles in sein Krankenzimmer kommt, was er macht und welche Sprache er spricht, wird es einfach nur sehr, sehr, sehr langweilig und reizt oft zum Abbruch der Lektüre.

Fazit: Die Form der Beschreibung des Erlebten mag literarisch eine außergewöhnliche sein, aber - wie so oft - geht damit nicht zwangsläufig einher, dass damit auch für den Leser ein interessantes Leseerlebnis herauskommt, vor allem weil der Wechsel des Stils die Glaubwürdigkeit der Perspektive zusätzlich arg untergräbt. Wie auch schon bei anderen Nobelpreisträgern war offenbar auch hier wieder die Form vorrangig Gegenstand der Bewertung. Ich gönne dem Autor seine außergewöhnliche Bewältigung einer bestimmt nicht einfachen Zeit, literarisch schwankt meine Reaktion allerdings zwischen "arg befremdet", "verärgert durch Unglaubwürdigkeit" und "sehr gelangweilt".


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